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Christuskirche Ellingen

Zum Bau der evang. Kirche Ellingen

(aus: Villa Nostra 1/1996)
Harald Bodenschatz / Johannes GeisenhofAm 29. November 1925 wurde im Stadtgarten von Ellingen die evang. Kirche eingeweiht. Der Architekt dieser Kirche war ein Baukünstler von überregionaler Bedeutung: German Bestelmeyer.

Der Hofgarten

Die evang. Kirche Ellingen steht im ehemaligen Hofgarten des Deutschen Ordens. Die einst vollständig ummauerte Nutzgartenanlage ist bereits auf dem ältesten Ellinger Deutschordenskalender von 1719 dokumentiert und reicht wohl weit in das 16. Jahrhundert zurück, als neben dem „Ort Ellingen“ auch die wichtigsten wirtschaftlichen Einrichtungen der Deutschordensresidenz, der sog. Küchengarten im Süden und eben der Hofgarten im Osten mit turmbewehrten Mauern gesichert wurden.Der Binderplan von 1762, die Wachterschen Bestandspläne um 1810 und die Uraufnahme von 1820 liefern uns ein genaues Bild von der Bebauung und Nutzung der Fläche in der Deutschordenszeit. Neben der von drei Türmen gefaßten Ummauerung gab es an Gebäuden nur das zweigeschossige Wohnhaus des Hofgärtners sowie drei kleinere, an die östliche Stadtmauer angebaute Nebengebäude, ein Waschhaus mit Obstdarre eine Holzremise und einen Viehstall. Die Hofgartenfläche war größtenteils mit Obstbäumen bepflanzt. Lediglich im Norden entlang der Mauer zur äußeren Hausner Gasse war ein Streifen als Nutzgarten angelegt. Der Zugang von der Stadt erfolgte an der Nordwestecke unmittelbar neben dem Hausner Tor durch zwei Zugänge: ein großes rundbogiges Tor für die Fuhrwerke und eine kleine segmentbogige Türe für die Fußgänger.

1815 erhielt Fürst von Wrede im Zuge der Dotation des früheren Deutschordensbesitzes durch den bayerischen König Max I. Joseph auch den sog. Hofgarten. Irn Jahre 1910 kaufte die Stadt Ellingen das gesamte Areal des Hofgartens von der „Thronlehensherrschaft“, um davon 2,5 Tagwerk am nordöstlichen Abhang dem Distrikt Ellingen zur Errichtung eines Krankenhauses zur Verfügung zu stellen. Ende 1911 war der Bau des Krankenhauses vollendet, am 8. Januar 1912 fand die Eröffnung statt. Mit dem Besitzwechsel des Hofgartens zur Stadt Ellingen war auch ein Namenswechsel in „Stadtgarten“ verbunden. Wichtigstes Ereignis nach dieser „Kommunalisierung“ des Hofgartens war der Bau der evang. Kirche in den Jahren 1924/25. Bestrebungen, das erworbene Gelände mit der evangelischen Kirche als Mittelpunkt für eine Stadterweiterung zu nutzen, bestanden seit Anfang der 20er Jahre. Verwirklicht wurden sie aber erst ein Vierteljahrhundert später: Im Jahre 1948 wurde durch den Architekten und Professor an der Akademie der Bildenden Künste Sep Ruf die Bebauung entlang der Hausner Gasse konzipiert. Gleichzeitig plante Ruf als Erschließung der evang. Kirche den Bau einer Allee von der Hausner Gasse her. Ab 1953 wurde schließlich mit der Siedlung „Stadtgarten“ die gesamte nördliche Stadtgartenhälfte bebaut. Mit dieser Siedlung rückte die Bebauung erstmals bis zur Kirche vor. Die südliche, ost-west-gerichtete Erschließungsstraße versuchte zwar die Achse der Kirche aufzunehmen, leider gelang dies nur unvollkommen, denn die Achse der Straße weicht von der Kirche um mehr als einen Meter ab.

Nachdem um die Jahrhundertwende die Anzahl der evangelischen Bürger in der katholischen Deutschordensstadt auf 250 angewachsen war, wurde 1909 ein protestantischer Kirchenbauverein mit 48 Mitgliedern und 3 Goldmark Jahresbeitrag gegründet, der im ganzen südlichen Mittelfranken Mittel für einen Kirchenbau sammelte und noch vor dem 1. Weltkrieg ein Grundstück im Holzgarten an der Ringstraße westlich des Schlosses erwarb.

Der so gesicherte Baugrund wurde jedoch nicht als ideal angesehen, und 1912 trat der 1. Vorsitzende des Kirchenbauvereins Friedrich Lang an den Stadtmagistrat Ellingen mit der Bitte heran, für den Kirchenbau eine Fläche im nunmehrigen „Stadtgarten“ im Tausch gegen das erworbene Grundstück zu überlassen. Durch den Kriegsausbruch verzögerten sich jedoch die weiteren Aktivitäten. Obwohl in der Inflation von 1923 das gesamte Vermögen des Vereins, das 1914 11.300 Goldmark umfaßte, verlorenging, wurde im gleichen Jahr unter dem Weißenburger Pfarrer Friedrich Veit als Vorsitzendem der Ev.-luth. Kirchenverwaltung Ellingen zusammen mit Paul König als neuem Vorsitzenden des Kirchenbauvereins Ellingen ein zweiter Anlauf genommen. Im Juni des Jahres wurden durch den Bezirksbaumeister Etschel in einem mehrseitigen Gutachten „Technische Vorbetrachtungen“ über die Platzfrage erläutert: Zum erworbenen Bauplatz im Holzgarten führte er aus: ‚mir scheint er etwas zu abgelegen und zu bescheiden“, er sei jedoch als „Tauschobjekt“ geeignet.Als besseren Standort schlug er den früheren Hofgarten sowie die damals noch unbebauten Plätze östlich der Heiligenbrücke vor. Als Alternative zu einem Neubau brachte er jedoch auch eine neuerliche kirchliche Verwendung der profanisierten Franziskanerkirche und damaligen Hopfenhalle sowie eine Überlassung der Maxkapelle ins Gespräch.

Es kam zu weiteren Verhandlungen zwischen Stadt und Kirchenbauverein, die schließlich im Januar 1924 zum Kauf des Kirchenbaugrundstücks im Stadtgarten im Tausch gegen das Grundstück im Holzgarten und einer Zuzahlung von 110 Goldmark führten. Bereits im Oktober 1923 legte Etschel Pläne für den Neubau vor, von denen sich aber lediglich ein Lageplan mit einer Darstellung des Grundrisses und eine Baubeschreibung erhalten haben. Etschels Entwurf sah einen nord-süd-gerichteten Baukörper vor. Neben ein traditionelles rechteckiges Schiff rückte er einen eingezogenen achteckigen Chor auf der Südseite und einen Turm mit beidseitigen Anbauten an der Nordseite. Als Größe gab er eine Länge von 30 m und eine Breite von 13 m sowie ein Fassungsvermögen von 400 Personen an. Wegen der Dimensionen des Bauwerks, das nur etwa um ein Drittel kleiner als die katholische Pfarrkirche St. Georg und größer als die übrigen bestehenden Ellinger Kirchen werden sollte, stießen die Pläne in Ellingen auf Kritik. Vom Staatsministerium des Inneren in München wurden sie schließlich abgelehnt. Daraufhin nahm Friedrich Veit Kontakt zum Architekten Professor German Bestelmeyer auf, der neben zahlreichen Großbauten auch eine Reihe von Sakralbauten in ganz Bayern errichtet hat.

Der in Nürnberg geborene Bestelmeyer, einer der Protagonisten des konservativen Bauens im Deutschen Reich der 20er Jahre, studierte in München bei Thiersch und Friedrich von Schmidt. Seit 1923 war er Professor an der Technischen Hochschule in München. Er plante u.a. den Erweiterungsbau der Ludwig Maximilians Universität in München. Bereits im Mai 1924 legte Bestelmeyer die Genehmigungspläne vor.

An einen klassischen, achteckigen Zentralkirchenbau mit Zeltdach gliederte er eine Eingangshalle mit den Treppen zur Empore nach Westen und einen zwiebelbekrönten Turm mit niederen Anbauten für Sakristei und Konfirmandenunterricht auf der Ostseite an. Den gesamten Bau rückte er an den östlichen Hangfuß annähernd in die Mitte des Stadtgartens. Gegenüber der Etschelschen Lösung war der Bestelmeyer-Bau deutlich kleiner. Die maximale Längenausdehnung betrug 25 m, der Zentralraum maß 17 m mal 15,75 m. Als Erschließung zur Kirche schlug Bestelmeyer einen gekrümmten Wegeverlauf von der Hausner Gasse her vor und schob hierfür den Kirchenbau soweit nach Westen, daß die Eingangstreppe auf städtischem Grund errichtet werden mußte.

Für die technische Oberleitung blieb Etschel verantwortlich. Am 24. August 1924 war bereits die Grundsteinlegung. „Von Ellinger Gemeindegliedern und Landwirten benachbarter Dörfer wurden 200 Klafter Bruchsteine, Sand und Kalk herbeigeschafft und auch das nötige Bauholz gestiftet.“ Zu Verzögerungen beim Bau kam es, als am 4. Oktober des gleichen Jahres der bis auf eine Höhe von 13,5 m gewachsene Kirchturm einstürzte. Da das Unglück in der Mittagspause passierte, kam gottlob niemand zu schaden. Arnold, Bauverwalter beim Landbauamt Eichstätt, beschrieb in seinem Gutachten die eingetretene Situation: „Die Umfassungen und Zwischenmauern der Kirche und deren Nebenräume standen unversehrt; nur die vordere Kirchenwand, welche gleichzeitig die südliche Seite des Turmes bildet, war wohl auf eine Höhe von ca. 5 m stehen geblieben, hatte aber durch die Erschütterung anlässlich des Turmeinsturzes eine starke Ausbauchung erhalten. Von dem bis zu 13,50 m Höhe gemauerten Turm waren drei Seiten eingestürzt, während die vierte Seite im unteren Teile nach aussen geschoben, im oberen Teile nach innen geneigt, auf die ganze Höhe von Rissen durchzogen stehen geblieben ist. Als Ursache des Einsturzes stellte Arnold ungeeignetes, wenig lagerhaftes Bruchsteinmaterial in Verbindung mit zu schnellem Baufortschritt fest, bei dem der „gewöhnliche Schwarzkalkmörtel zwischen den bruchfeuchten Steinen bei der anhaltend nassen Witterung … nicht rasch genug abbinden konnte“. Es kam zu längeren Ermittlungen bezüglich der Verantwortung der am Bau beteiligten Personen, des Architekten Bestelmeyer und des Distriktbaumeisters Etschel, verantwortlich für die technische Oberleitung, und des ausführenden Bauunternehmers Göttler. Probleme bei der Errichtung des Bauwerks scheint es indes bereits vorher gegeben zu haben, denn die Umsetzung des Bauwerks vom Plan in die Realität bereitete offenbar große Schwierigkeiten, die heute noch deutlich sichtbar sind: Der achteckige Zentralraum ist in seiner Längsachse um 30 cm aus seiner Mitte verschoben, was zu einer asymmetrischen Anordnung von Altar, Empore und Orgel führte.

Der Einsturz führte zu einer verstärkten Unterstützung des Baus durch die Nachbargemeinden, so daß trotz der eingetretenen Verzögerungen die Kirche am 29. November 1925, dem 1. Advent, eingeweiht werden konnte. Pfarrer Friedrich Veit aus Nürnberg, der in seiner siebenjährigen Amtszeit in Weißenburg den Bau maßgeblich vorangetrieben hatte, hielt in Anwesenheit seines Vaters, des Kirchenpräsidenten D. Veit aus München, die erste Predigt in der neuen Kirche. „Der gestrige 1. Adventssonntag war für die hiesige Stadt und ihre Bevölkerung, insbesondere den evangelischen Teil derselben, ein bedeutungsvoller Tag. Trotz der kalten und schneereichen Jahreszeit kamen von Nah und Fern eine große Anzahl Ehrengäste, sowie Freunde und Gönner herbeigeeilt, um der von Herrn Kirchenpräsidenten D. Veit selbst vorgenommenen Einweihung der neuen evang. Kirche beizuwohnen. So der Ellinger Anzeiger in einem ersten Bericht am 30.11.1925. In einer Würdigung des Baus schrieb 1927 Arthur Schlegel, profunder Kenner und Entdecker des Ellinger Barock, in Wasmuths Monatshefte für Baukunst: „Beim Blick von fern fügt sich ihr bewegter, klar gegliederter Umriß dem Stadtgrundriß gut ein … In den einzelnen Architekturformen (Proportionen und Umrahmungen der Fenster und Türen, Gesimsprofile, Rahmenleiste des Deckengemäldes usw.) bemerkt man eine Anlehnung an den Ellinger Barock. Auch hat Bestelmeyer die damals übliche Bauweise beibehalten: Das Mauerwerk ist in Bruchstein ausgeführt und verputzt; Sockel, Gesimse, Fenster und Türumrahmungen bestehen aus Haustein. Die Dächer sind mit Ausnahme der Turmzwiebel mit Ziegeln gedeckt.“ Und weiter: Die Kirche wirkt „nicht wie ein moderner Fremdkörper im architektonischen Gesamtbild Ellingens … sondern (scheint) erwachsen …aus heimischer Überlieferung.“

Bei ihrer Einweihung war die Kirche jedoch in ihrer Ausstattung keineswegs komplett.1930 erhielt sie die zweite Glocke und 1935 die Steinmeyer-Orgel. Seit 1945 bemühte sich die evangelische Kirchengemeinde um die Neugestaltung des Altarraumes. Pläne zur Aufstellung einer aufwendigen Kreuzigungsgruppe nach einem Entwurf von Wunibald Puchner vom Dezember 1947 machte die Währungsumstellung 1948 zunichte. Schließlich erhielt Akademieprofessor Hermann Schorer, damaliger Leiter der Bildhauerabteilung an der aus Nürnberg ausgelagerten Akademie der bildenden Künste im Ellinger Schloß den Auftrag für einen Kruzifixus ohne Nebenfiguren. „Der körperliche Typus dieses Gekreuzigten hat nichts zu tun mit dem `schönen Menschen‘ der Renaissance; es ist der `asthenische‘ Körpertypus des geistigen Menschen, der für unsere Vorstellungen beinahe eine Voraussetzung für die Auserwähltheit im Religiösen darstellt“, schreibt Gürsching 1955 über das Werk. Im Zuge einer größeren Renovierung zur 50-Jahrfeier wurde 1975 der ‚provisorische Altar von 1925 durch einen Steinaltar des Bildhauers Reinhard Fuchs ersetzt. Vom gleichen Künstler erhielt der Kruzifixus an der Rückwand eine neue Fassung.“ Leider wurden bei dieser Renovierung auch die feingegliederten Bestelmeyerschen Fenster durch eine großflächigere Befensterung ersetzt.

Zur Bedeutung der neuen Kirche
Der Bau der evangelischen Kirche war der letzte und entscheidende Schritt zu einer ökumenischen Stadt. Aus der Frontstadt des katholischen Deutschen Ordens war nunmehr auch sichtbar im Stadtbild ein Ort des friedlichen Nebeneinanders der Glaubensgemeinschaften geworden: die katholischen Kirchen, die Synagoge in der Neuen Gasse und die neue Kirche im Stadtgarten kündeten von der konfessionellen Vielfalt der Stadt Ellingen. Aber auch als Ort der Baukunst hat sich die ehemalige Residenzstadt des Deutschen Ordens von neuem profiliert. Neben den großartigen Bauwerken des 18. Jahrhunderts und den späten Schöpfungen Sep Rufs an der Hausner Gasse reiht sich die evangelische Pfarrkirche von German Bestelmeyer mit eigener Würde in das großartige baukünstlerische Erbe der Stadt Ellingen ein.